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Radsporttage in der City Nord in Hamburg und die bunte Fixie Szene

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Ende Mai fand die 10-jährige Jubiläumsausgabe der Radsporttage in der City Nord in Hamburg statt. Wie immer eine tolle Veranstaltung, die mit viel Liebe vom Betriebssportverband Hamburg organisiert wurde. Der Fokus liegt hier klar auf der Hand: der Betriebssport mit seinen Hamburger und Deutschen Meisterschaften sowie das Zeitfahren. Hierbei Einzel- und Mannschaftszeitfahren – auch für lizensierte Fahrer. Auch die Jedermänner, die sich zu keiner Betriebssportgruppe zählen, kamen auf ihre Kosten. Auch für sie gab es ein Rundstreckenrennen und die Disziplinen im Zeitfahren. Abgerundet wurde die gesamte Veranstaltung durch das „Waterkantkrit“ der Fixie-Fahrer … ein ganz anderes Radsportvölkchen – dazu später mehr.

Wir haben Samstag, den 28. Mai 2016 und wir befinden uns im nördlichen Teil von Hamburg. Die Sonne strahlt und Hamburg zeigt sich von seiner besten Seite. Die Rennstrecke ist schon komplett gesperrt und die ersten Fahrer machen sich mit dem neuen Streckenverlauf vertraut. Viele Radler sind bereits da, doch ist jeder mit sich selbst beschäftigt.

Der Tag startet mit dem Einzelzeitfahren. Man sieht einige, die noch an ihrer Carbon-Zeitfahrmaschine rumbasteln. Andere, die sich bereits auf der Rolle warm fahren. Selbst in  der Jedermannklasse ist das Leistungsniveau sehr hoch. Man sieht Zeitfahrräder, die bei jedem Test der bekanntesten Fahrradmagazine mit einer Bestnote  1+ mit Sternchen abschneiden würden. Für das eine oder andere Gefährt müsste meine Oma ganz schön lange Stricken. Ich bin beeindruckt davon, mit wie viel Liebe das Rad eines Fahrers beim letzten Putzen behandelt wird. Ob dieser Mensch auch zu seiner Frau so zärtlich ist?

Mittlerweile sind schon die ersten Fahrer der lizensierten Jugendklassen unterwegs. Auch in dem Alter – alles hochprofessionell. Wobei die Jugendfahrer (U17) noch kein Zeitfahrmaterial nutzen dürfen – das macht sie aber nicht weniger langsam. Die Junioren (U19) dagegen machen den vermeintlichen Materialverlust der jüngeren Klasse wieder wett. Das typische rauschende Geräusch der Scheiben ist dauerhaft zuhören, gepaart mit den ständigen Durchsagen des Sprechers, dessen Stimme dröhnend aus den Lautsprechern hallt.

Herrlich – stundenlang könnte ich mit einem heißen Becher Kaffee am Streckenrand stehen und mir die Sportler anschauen, wie sie sich selbst auf ihrem Zeitfahrbock quälen und gegen sich und die Uhr kämpfen. Einzelzeitfahren ist schon eine Disziplin für sich – aber definitiv nicht meine. Es ist der ständige Kampf gegen sich selbst. Höchstleistungen zu erbringen – ohne Fremdeinwirkung von außen. Ich persönlich kann das nicht. Ich brauche immer ein Hinterrad, dem ich hinterhersprinten muss. So ganz alleine fällt es mir schwer, mich zu motivieren. Das Gute daran ist, dass ich dadurch Menschen zusehen kann, die das umso besser können. Ich finde es wirklich faszinierend wie es manche schaffen, sich selbst so zu malträtieren.

Da das Zeitfahren bei der A/B/C-Klasse sogar aufstiegsrelevant ist, war auch hier die Konkurrenz groß. Der Sieger steigt automatisch in die nächsthöhere Leistungsklasse auf. Da lohnt sich das „Elend“ umso mehr. Lars Bartlau vom VC Vegesack sichert sich hier souverän den Sieg. Der amtierende Landesverbandsmeister Nord im Einzelzeitfahren ist allerdings bereits in der höchsten Amateurklasse „A“ und hat hier lediglich nochmals seine hervorragenden Zeitfahrqualitäten unter Beweis gestellt.

Bei der anschließenden Deutschen Meisterschaft im Betriebssport – dem Rundstreckenrennen – sicherte sich Philip Kaczmarowski vom Cycle-Innovate-Team den Titel und damit auch das wunderschöne Deutsche-Meister-Trikot. Bei seinem Ausreißmanöver zeigte auch er sehr gute Zeitfahrqualitäten. Mit 42 Sekunden Vorsprung holte er sich den Sieg.

Am frühen Abend startete das Kriterium der lizensierten Männer. Hier ging es richtig zur Sache. Beim Kriterium wird alle fünf Runden ein Sprint eingelegt. Hierbei gibt es für die ersten vier Fahrer absteigend Punkte. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt. Lustigerweise zählt die letzte Wertung – also die zum Schlusssprint –punktetechnisch doppelt. Und um das Chaos und die Verwirrung noch größer zu machen gilt allerdings „Rundengewinn vor Punktgewinn“. Will heißen: wenn es jemand schafft, das komplette Fahrerfeld zu überrunden, zählt seine Plusrunde mehr, als die bereits ersprinteten Punkte der anderen Fahrer. So kann jemand mit weniger Punkten trotzdem gewinnen. Um es mit den Worten eines bekannten Piraten auszudrücken: „Klar soweit?“.

Genug der Erklärungen: Kriterien sind sehr Zuschauerfreundlich. Da geht die ganze Zeit die Post ab, es gibt Action im Feld und es macht Spaß, zuzugucken. Als beteiligter Fahrer ist das so eher so semi cool – aus meiner privatpersönlichenuntrainierten Sicht…

Max Lindenau vom Stevens Racing Team dominierte eindeutig das Rennen und holte als Lokalmatador den Sieg mit 20 Punkten Vorsprung nach Hause und sicherte sich den Aufstieg in die A Klasse.

Während ich das Kriterium genieße – was ja schon ein wenig sadistisch klingt… Sich an der Qual anderer zu erfreuen… – füllt sich der Überseering mit einem etwas ungewohntem Klientel. Im Augenwinkel bemerke ich nur, wie die Schlange bei der Nummernausgabe länger und länger wird und die gute Seele und Organisatorin Susanne Büttner sich dahinter fast überschlägt. Meine Neugier siegt und ich betrachte die Menschen dort genauer.

Fixies – die Hardcore Alternative zum klassischen Rennrad

Zuerst fallen mir die Massen an Bahnrädern auf. Wobei man jetzt ja „Fixie“ sagt. Ist quasi ein Rennrad. Nur zwei entscheidende Komponenten fehlen: Die Schaltung und die Bremsen. Ach ja: und der Gang ist starr. Bedeutet: Wenn man geschickt genug ist, könnte man theoretisch rückwärts fahren. Im Endeffekt: sieht aus wie ein Rennrad, ist aber keins. Und nicht nur die Vielzahl fällt auf, sondern besonders die Vielfalt! Ich bin absolut begeistert. Innerhalb von Sekunden. Eingenommen von den tollen Farben und auch abweichenden Formen. Kein Rad sieht aus wie das andere. Jedes wirkt wie eine Spezialanfertigung.

Fixie - die Rennrad Alternative mit starrem Gang

Mit offenem Mund schwenkt mein Blick gerade von einem total bunten Fixie zu dem passenden Fahrer. Der Einteiler so bunt wie sein Rad. Und dazu noch die Arme und Beine bunt tätowiert. Da stimmt von der Optik einfach alles. Ich finde es richtig cool. Ein Punk auf’m Rad. Und so sieht die ganze Szene aus. Bunte Räder, bunte Kleidung, bunte Haut. Mädels mit Under-Cut, Tunnel im Ohr, vielen Piercings. So viel Individualität in einer Masse von Radfahrern.

Es startet das Mädels Waterkantkrit. Es sind tatsächlich 20 (!) am Start. Mehr, als bei so manchem Lizenzrennen. Die meisten Trikots von dem Radsport Club St. Pauli. Wie passend zum Lifestyle – denke ich.

Die spätere Siegerin des Rennens imponiert mir von Anfang an. Großgewachsen, braun gebrannt, sehr stramme Beine. Ihr blonder Zopf weht im Wind und die stylische Oakley rundet das Bild von einem Model auf Rädern ab. Alter Schwede – denke ich mir. Die sieht nicht nur ziemlich gut aus, die hat auch ziemlich Bumms in den Beinen. Der Sprecher bestätigt meine Vermutung indem er euphorisch erzählt, dass die Fahrerin kürzlich bei einem Fixie-Kriterium in Bosten unter die Top Ten gefahren ist.

Ich ändere meinen Standort. Ich gehe zur 180° Wende, bevor das Fixed-Männerrennen beginnt. Hier sind noch einige mehr am Start. Wie die Kerle mit dem starren Gang bei der Geschwindigkeit um die Kurve kommen, will ich mir nicht entgehen lassen.

Mit mir stehen noch einige andere Zuschauer da. Es gesellt sich ein Mädel zu uns, das soeben das Frauen-Fixed-Rennen beendet hat. Ich finde sie sofort sympathisch, weil sie ein Hamburger Bier in den Händen hält und dabei ist, sich eine Zigarette zu drehen. Das sollte mal jemand bei einem „normalen“ Rennen machen. Die Blicke und der Tratsch danach wären bestimmt sehr erheiternd.

Die Startlinie füllt sich mit den männlichen Fixed-Fahrern. Viele sehen aus wie Models, so durchgestyled, so hip, so kunterbunt und trendy. So viele tolle bunte Socken! Das Bild ist wirklich grandios. Und so gemischt. Ich sehe sogar einige Jeanshosen – könnte eventuell unangenehm für denjenigen werden.  Aber alles in allem sieht das Gros der Fahrer so aus, als wüssten sie, was sie tun.

Es sind 100 Fixie Fahrer am Start. Es wären vermutlich noch mehr gewesen – innerhalb von vier Tagen nach Öffnung der Anmeldung waren alle Startplätze restlos ausverkauft.

Kurz vor dem Startschuss erklärt der Sprecher, der auch aus der Szene kommt, die Regeln. Unter anderem, dass „skidden“ verboten sei. Um mich herum zustimmendes Nicken und Gemurmel wie „Gerade bei dieser Kurve wäre es zu gefährlich“. Ich muss wohl so dämlich aus der Wäsche geguckt haben, dass mir ein sehr nett aussehender Mann mit vier Piercings in der Nase unaufgefordert erklärt, dass es sich bei „skidden“ um eine Vollbremsung und dem daraus resultierenden „sliden“ bzw. ausbrechen des Hinterrades handelt. Aha. Ich bin selber einige Jahre auf der Radrennbahn gefahren. Aber da ging es ja nur im Kreis. Und eigentlich fühlt es sich aufgrund der Schräge an, als ob man ständig geradeaus fahren würde. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie man mit einem Bahnr… – Entschuldigung – Fixed-Gear im Straßenverkehr fahren kann, ohne sich selbst oder andere ernsthaft zu verletzten.

Im mittlerweile laufenden Rennen wurde ich eines besseren belehrt. Ich bin total fasziniert von den Fahrern, wie sie mit dem Rad ohne Bremse und Schaltung um die 180° Kurve kacheln und danach wieder volle elle antreten. Ich sehe Parallelen zum A/B/C-Kriterium. Das Leistungsniveau schätze ich ähnlich ein. Von außen betrachtet gleichen sich die beiden Wettkämpfe, aber eigentlich sind es doch grundverschiedene Sportarten.

Zu Hause bin ich noch immer ganz geflashed von dem ganzen Tag. Nicht nur, dass die ganze Veranstaltung total gelungen war und am nächsten Tag auch noch weiter geführt wird, nein. Ich bin echt ein wenig irritiert, wie diese ganze Fixie-Szene bisher unbemerkt an mir vorbei gegangen sein konnte?! Natürlich habe ich gleich das Internet und alle gängigen Social-Media-Plattformen durchforstet. Es gibt ganze Rennserien, die in ganz Deutschland ausgetragen werden. Ich habe mir einen Termin fest eingetragen: das Rad Race Battle im Rahmen der Cyclassics in Hamburg, am 20. August 2016. So ein Spektakel werde ich mir in Zukunft nicht entgehen lassen.

Bildquelle:
© juananbarros / stock.adobe.com
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Tags : BetriebssportBSGCity NordEZFFixed-GearFixieFixiesKriteriumLizenzLizenzrennenRennberichtWaterkantkritZeitfahren
Ines Hinrichs

Über den Autor Ines Hinrichs

Die Hamburger Deern, Anfang 30, ist selbst passionierte Radsportlerin. Seit dem sie 2007 zum ersten mal das Profi-Rennen im Rahmen der Cyclassics in Hamburg gesehen hat, ist sie von dem Radsportvirus infiziert, von dem sie bis heute nicht geheilt ist. Damals - Anfang 20 - zum Glück schon zu alt für eine Profikarriere, schlägt sie sich nun mit allen Höhen und Tiefen durch den Amateur-Radsport.

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